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Neue Osnabrücker Zeitung

17. Dezember 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Kunst für wenig Kröten

Ungewöhnliche Auktionsidee im »Trash« gestartet

Von Eva Lodde

Der blaue Dunst von Zigaretten steigt auf und hüllt das Bild ein. Der Schein einer Glühlampe, die an der Decke in einer ehemaligen Trockenhaube für Dauerwellen sitzt, wirft ein wenig Licht in das Dunkel des Bildes. Es scheint so, als wäre dessen roter Hintergrund auf die orangene Wand abgestimmt, als würde es schon immer dort hängen. Dabei ist es neu and alt zugleich: vor zwei Jahren gezeichnet und seit letzten Samstag ein Teil des »Trash«. Aber nicht mehr lange werden die Kerzen das Bild in ein schummriges Licht eintauchen, nicht mehr lange wird die Pappfrau in Unterwäsche daneben sitzen. Bald wird es in einem anderen Zimmer sein, genauer: am Samstag.


Künstler bleibt vorerst anonym


Der Schlüssel zum Bild ist ein kleiner, brauner Kasten auf einer Ablage. Unauffällig steht er zwischen Grabkerze and Telefon. Auf der Seite ist in silbernen Buchstaben geschrieben »Love, Pat«. Daneben liegen die wichtigen Zettel: Mit ihnen können die Besucher des Trash, hauptsächlich Schüler und Studenten, diese Kunst für wenig Geld erwerben. Auf ein Kärtchen werden Name, Telefon- nummer und das Gebot eingetragen. Wie hoch der Betrag ist, spielt keine Rolle. Derjenige, der am meisten bietet, erhält das Bild, selbst wenn der einzige Interessent nur 20 Pfennig bietet. Bis zum 21. Januar werden acht Werke jeweils eine Woche lang die Wand der Kneipe zieren. Das erste Werk wurde letzte Woche bereits verkauft: Für immerhin 60 Mark.

»Jedes Bild, das ich male, ist ein leuchtendes Steinchen im Mosaik meiner Seele. Jedes ist wichtig and alle möchten geliebt werden.« Doch ein Künstler kann nicht all seine Bilder auf einmal lieben and betrachten. Sollen sie stattdessen zu Hause in einer Kammer vermodern? Sicher nicht. Deshalb gibt Patricia d'Arquette jüngeren Leuten die Möglichkeit, Kunst zum erschwinglichen Preis zu bekommen. In der Kneipe können sie in aller Ruhe einen Wein trinken, sich mit Freunden unterhalten und sich überlegen, ob ihnen das Bild wirklich gefällt.






EIN GEMÄLDE AN DER KNEIPEN- WAND:
Wer es kaufen möchte, der wirft sein Gebot in den Auktionskasten vorne auf den Tisch. Was immer nach einer Woche das höchste Gebot ist, das Bild ist verkauft.

Foto: Thomas Osterfeld


Aber einen Moment: Patricia d'Arquette – es gibt doch eine Schauspielerin mit diesem Namen? Fast: Das „d" zwischen Vor- und Nachnamen bildet den feinen Unterschied. Patricia d'Arquette steht für die Unwichtigkeit des Künstlers selbst. Bei dieser Versteigerung zählt nicht der Maler, sondern allein die Kunst steht im Vordergrund. Nur deshalb können die Bilder zu studentenfreundlichen Preisen verkauft werden. Wer seine Neugier bis zur Auflösung des Rätsels nicht zügeln kann, der sollte fleißig mitbieten: Der Künstler oder die Künstlerin liefert das Bild persönlich frei Haus.

 



Stadtblatt Osnabrück, Februar 2000